Kultur-Tagebuch

Eine Sammlung von künstlerischen Gedanken zum Thema Tiefenlager

«Der Worst-case wäre ein Wassereinbruch während der Bauarbeiten.»

Kantonsrätin Wilma Willi aus Windlach (mehr dazu siehe unten) unterhält sich kurz mit mir über die Risiken des Tiefenlagers.Thomas Meyer, Juli 2024

Die Brennstabs suchen ein neues Zuhause

«Ich und meine Familie sind etwas speziell», sagte Benny Brennstab. «Wir haben es gern ruhig.»
«Sie haben es in Würenlingen doch schön ruhig? Eigene Halle, sichere Behälter, Zutrittsverbot ...», sagte die Nagra.
«Wir meinen: richtig ruhig. Wir wollen niemanden sehen. Nicht mal den netten Herrn Kasemeyer. Und apropos Zutrittsverbot, kürzlich war noch ein Meyer da!»
«Der berichtet über Sie. Sehr ausgewogen, wie wir finden.»
«Ist uns egal. Suchen Sie uns ein neues Zuhause.»

Wenig später:

«Wir schlagen Ihnen ein Tiefenlager vor», sagte die Nagra. «900 Meter unter der Erde, im Opalinuston, 175 Millionen Jahre alt. Er kann Risse abdichten und radioaktive Stoffe binden. Und weil er undurchlässig ist, kann Tiefengrundwasser in den Gesteinsschichten ober- und unterhalb kaum mit dem radioaktiven Abfall in Kontakt kommen!»
«Wenn Sie uns bitte nicht als Abfall bezeichnen würden ...»

«Entschuldigung. Wie möchten Sie angesprochen werden?»
«Familie Brennstab. Und wenn wir schon bei der Sprache sind: Sie reden von Risse dichten, Stoffe binden und kaum in Kontakt kommen – das klingt alles nicht besonders sicher!»
«Die Behälter, in denen Sie wohnen, halten nicht ewig. Andererseits strahlen Sie auch nicht ewig.»
«Und das ist
the best you can come up with, wie der Engländer sagt?»
«Stand heute ja. Kann sich aber ändern. Die technische Entwicklung schreitet weiter voran.»
«Na gut ... sieht schon gemütlich aus ... und der Meyer kommt da sicher nicht hin?»
«Ausgeschlossen.»
«Okay, wir sind dabei.»

Wie sieht eigentlich Thomas Meyer als Brennstab aus?

Das ist sehr einfach zu beantworten.

Thomas Meyer und Midjourney, Juli 2024

Wie groß ist Reto Restrisiko?

«Unter Restrisiko versteht man das trotz aller vorgenommenen (...) Risikominderungen verbleibende Risiko einer technischen Anlage, eines Ereignisses, Systems oder eines sonstigen Vermögenswerts», sagt Wikipedia. 

Hier im Bild sehen wir Reto Restrisiko, wie er auf seinen unwahrscheinlichen, aber nicht unmöglichen Einsatz wartet.


Wilma Willi, Kantonsrätin aus Windlach (eine sehr schöne Dreifach-Alliteration!), vermutet Reto Restrisiko in den Tiefengrundwassertrömen, die über und unter dem geplanten Tiefenlager verlaufen – und verseucht werden könnten. Sie und über 60 Amtskolleg:innen schrieben an den Zürcher Regierungsrat: 

Sollte sich im Verlauf der Planung oder sogar während der Bautätigkeit herausstellen, dass das Tiefengrundwasser ein zu grosses Risiko mit sich bringt, wäre der Schaden immens. Wie kann sich der Kanton Zürich dafür einsetzen, dass diese wichtige Bewilligung nicht erteilt wird, bevor geklärt ist, welches Risiko das Tiefengrundwasser am Standort Haberstal in Stadel mit sich bringt?

Der Regierungsrat antwortete:

Nach einer allfälligen Erteilung der Rahmenbewilligung 2029 sind aus Sicht des Kantons weitere standortspezifische erdwissenschaftliche und hydrogeologische Untersuchungen bis zur Erteilung einer Baubewilligung (2044 bis 2048) nötig. Anhand der zusätzlichen Daten muss dann nochmals beurteilt werden, ob eine mögliche Gefährdung des Tiefengrundwassers durch das Tiefenlager besteht.

Noch ist also nicht klar, wie gross Reto Restrisiko ist.

Thomas Meyer, Juli 2024

Strahlungsvergleich

Hinten: Castor HAW28M, beladen mit hochaktivem Abfall aus der Wiederaufbereitungsanlage La Hague. Strahlt seit 2014.

Vorn: Kulturgast Thomas Meyer, beladen mit hochaktivem Interesse an Technik und Widersprüchen. Strahlt seit 1974. 

Bemerkenswert: Beide tragen eine blaue Flugzeugabsturzhaube! Üblicherweise sind diese weiss – siehe rechts.

Thomas Meyer, Juli 2024. 
Danke an Uwe Kasemeyer vom Zwischenlager Würenlingen!












Markus bringt Vreni Verstrahlung ins Spiel

Markus Bleiker aus Stadel hat mich im Nagra-Büro besucht und gefragt, ob Benny Brennstab die einzige Comicfigur bleibe – eigentlich müsse der Vollständigkeit halber doch auch noch Vreni Verstrahlung in Erscheinung treten. Eine wertvolle und witzige Anregung, die ich sofort umgesetzt habe.

Benny sah sich mittlerweile wiederholt dem Vorwurf ausgesetzt, er »verniedliche« die Problematik des Tiefenlagers. Ich finde, er schafft nebst dem politischen und wissenschaftlichen einen künstlerischen Zugang zu diesem Spannungsfeld. Aber ich erkenne auch an, dass mehr Personal auf der Bühne steht und sichtbar gemacht werden muss.
Thomas Meyer, Juli 2024

«Es stört mich besonders, dass man in die Emotion geht.»

Werner Kramer, Initiant der Arbeitsgruppe STADELaktiv, stört sich an der Schilderaktion. Er findet, sie wecke unnötige und unberechtigte Emotionen. Hören Sie hier seine kurze Meinung.

Thomas Meyer, Juni 2014





Familie Brennstab auf Besuch im Haberstal

Benny Brennstab sondierte am 7. Juni 2024 mit seinen Geschwistern schon mal das Gelände. «Schön ruhig hier», meinte Bruno. «In 900 Metern Tiefe hören wir sowieso nichts!», gab Berta zu bedenken. Bodo und Barabara waren, wie viele, die ihren finalen Wohnort besichtigen, etwas niedergeschlagen, worauf Benny fragte, wo ihr übliches Strahlen geblieben sei. Er solle mal seine Dad Jokes lassen, meinte Barbara nur.
Thomas Meyer, Mai 2024


Heimlicher Kulturgast am Werk!

Da wird der Kulturgast beinahe ein bisschen neidisch: Ende Mai 2024 hat eine unbekannte Person das Ortsschild in Stadel ersetzt durch eine, nun ja: Warntafel. Lange warnte sie allerdings nicht, schon am nächsten Tag hatte Stadel gar kein Schild mehr und am übernächsten wieder ein richtiges.

Aus kreativer Sicht betrachtet, ist das eine gelungene Aktion. Plakativer kann man seine Abneigung gegen das Vorhaben des Tiefenlagers nicht zum Ausdruck bringen. Warum aber nicht das runde Radioaktivitäts-Logo zum Anlass genommen wurde, auch die zweite Tafel entsprechend abzuändern, ist schwer nachzuvollziehen. «Generell strahlend» – das Wortspiel hätte doch auf der Hand gelegen!
Thomas Meyer, Mai 2024


Man sieht das Tiefenlager vor lauter Bäumen nicht!

Das Haberstal nördlich von Stadel ZH – der für ideal befundene Standort für das künftige Tiefenlager. Da sammeln die Menschenaffen also ein seltenes und ziemlich wildes Material, um daraus Energie zu gewinnen, und müssen es hinterher in der Erde vergraben, weil es für hunderttausend Jahre weiter wild sein wird. Eine bizarre Überlegung, wenn man hier steht, vor diesem harmlosen, von einer Forststrasse umzäunten Acker.
Thomas Meyer, April 2024

Hallo, Benny Brennstab!

Benny Brennstab hat viel gearbeitet und möchte seinen verdienten Ruhestand antreten. Aber wo? Niemand will ihn bei sich haben – zum Glück gibt es da dieses neue Tiefenlager! Und schon mal ein Brillenputztuch.
Thomas Meyer, April 2024





«Bist du jetzt etwa für Atomkraft?»

Das war die Reaktion meiner Mutter, als ich erzählte, dass ich das Tiefenlager literarisch begleite.
Nein, ich bin nicht für Atomkraft. Atomkraft macht Abfälle. Und manchmal Unfälle.
Sie ist aber auch eine Realität. Und hilft uns womöglich sogar, Treibhausgase zu reduzieren.
Ich mag solche Widersprüche. Das Leben ist voll davon. Sie auszuhalten ist interessant. Über sie zu schreiben, ist noch viel interessanter.
Thomas Meyer, März 2024